Die nächsten musikalischen Veranstaltungen
in den Kirchen von Berlin-Rahnsdorf:
30 Minuten Orgelmusik
auf der historischen Dinse-Orgel
27. Juni bis 3. Oktober
alle 14 Tage samstags 18.00 Uhr
Dorfkirche Berlin-Rahnsdorf
Die historische Dinse-Orgel der Dorfkirche Rahnsdorf erklingt wieder regelmäßig: Von Ende Juni bis Anfang Oktober laden wir alle zwei Wochen zu einer halben Stunde Orgelmusik ein – ein besonderer Moment der Ruhe und der musikalischen Besinnung. In der im alten Fischerdorf Rahnsdorf gelegenen Dorfkirche wurde die Orgel 1888 von der Berliner Orgelbauwerkstatt Gebrüder Dinse erbaut und zählt mit ihrem warmen, romantischen Klangbild zu den wertvollen historischen Instrumenten der Region. Im Jahr 2011 wurde die Orgel umfassend restauriert und erfreut seitdem Freunde der Orgelmusik im historischen Ambiente der Dorfkirche Rahnsdorf. Verschiedene Organistinnen und Organisten werden die besonderen klanglichen Möglichkeiten der historischen Dinse-Orgel mit Orgelmusik aus unterschiedlichen Stilepochen erkunden – die individuelle Auswahl der Stücke und das zu erwartende klangliche Ergebnis sollte Anlass genug sein, möglichst keine dieser Orgelmusiken zu verpassen!
Samstag, 3. Oktober 2026, 18.00 Uhr
Dorfkirche Rahnsdorf
30 Minuten Orgelmusik
auf der historischen Dinse-Orgel
Orgel: Johannes Raudszus
Sonntag, 8. November 2026, 18.00 Uhr
Taborkirche Berlin-Wilhelmshagen
Media vita in morte sumus
Nicolas Gombert (* um 1495 † um 1560)
Media vita in morte sumus
Orlando di Lasso (1532 – 1594)
Psalmus Poenitentialis II
Beati quorum remissæ sunt iniquitates
Antonio Lotti (1667 – 1740)
Missa pro defunctis à 4 voci
– Introitus (Requiem aeternam)
– Kyrie
– Dies irae
– Offertorium
– Sanctus
– Benedictus
– Agnus Dei
Media vita in morte sumus
Das programmatische Fundament ruht auf einer der eindringlichsten Wahrheiten der christlichen Liturgie: „Media vita in morte sumus“ – Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben. Die drei ausgewählten Meisterwerke aus der Renaissance und dem Barock spannen einen Bogen von tiefer, existentieller Klage über die zerknirschte Bitte um Vergebung bis hin zur tröstlichen Gewissheit des ewigen Friedens. Sie zeigen, wie Komponisten über Jahrhunderte hinweg der menschlichen Vergänglichkeit eine musikalische Stimme verliehen haben.
Den Auftakt bildet die sechsstimmige Motette von Nicolas Gombert (ca. 1495–1560) Media vita in morte sumus. Gombert, ein Schüler Josquin Desprez’, war berühmt für seinen dichten, ununterbrochen fließenden polyphonen Stil. In seiner Vertonung der berühmten gregorianischen Antiphon verzichtet er fast vollständig auf Pausen oder musikalische Ruhepunkte. Die Stimmen verweben sich in einem dichten, unaufhaltsamen Kontrapunkt. Diese musikalische Struktur spiegelt die Unausweichlichkeit des Todes wider, der den Menschen mitten im irdischen Dasein ereilen kann. Gomberts Musik schafft eine dichte, fast meditative Atmosphäre, die den Hörer unmittelbar in die existentiellste aller Fragen hineinzieht.
Auf die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit folgt der Weg der inneren Umkehr. Orlando di Lasso (1532–1594) schuf mit seinen Septem Psalmi Davidis Poenitentiales (Sieben Bußpsalmen) einen Meilenstein der europäischen Musikgeschichte. Der Psalmus II (nach biblischer Zählung Psalm 32/31) beginnt mit den Worten: „Wohl dem, dem die Missetat vergeben ist, dem die Sünde bedeckt ist.“Lasso erweist sich hier als unübertroffener Meister der Wortausdeutung. Er zeichnet das seelische Leid des Sünders, das Verstummen vor Gott und die Last der Schuld mit einem plastischen ausdrucksvollen Chorsatz nach.
Den Abschluss und Höhepunkt des Programms bildet Missa pro defunctis von Antonio Lotti (1667–1740). Als langjähriger Organist und Kapellmeister am venezianischen Markusdom schuf er diese Totenmesse ganz im Geiste des stile antico. Nach den vielstimmigen Komplexitäten der Renaissance-Meister Gombert und Lasso führt uns Lotti zurück zu einer edlen, vierstimmigen Schlichtheit. Lotti kopiert die Vergangenheit jedoch nicht bloß. Unter der strengen, kontrapunktischen Oberfläche, die sich an Palestrina orientiert, bricht immer wieder eine barocke, hochemotionale Harmonik hervor. Durch kühne Dissonanzen, chromatische Wendungen und dichte Stimmführung verleiht er dem liturgischen Text eine zeitlose, spirituelle Tiefe. Besonders in der gewaltigen Sequenz des Dies irae changiert die Musik meisterhaft zwischen dem furchterregenden Zittern vor dem Jüngsten Gericht und dem flehentlichen Ruf nach Barmherzigkeit. Lottis Missa pro defunctis führt uns vor Augen, dass auf die Klage (Gombert) und die Buße (Lasso) die endgültige Ruhe folgen darf. Es ist kein theatralisches Trauerspiel, sondern ein Werk von intimer Ernsthaftigkeit, das den Hörer mit einer kunstvoll geflochtenen, harmonischen Klarheit und spendendem Trost entlässt.

